Der Gebrauch von Cookies erlaubt es uns, Ihnen die optimale Nutzung dieser Website anzubieten. Wir verwenden Cookies zu Statistikzwecken und zur Qualitätssicherung. Durch Fortfahren auf unserer Website stimmen Sie dieser Verwendung zu. Genauere Informationen finden Sie im Bereich Datenschutz.

PERSPEKTIVE:ARBEIT ökonomisches und soziales Empowerment von gewaltbetroffenen Frauen

Ziel des Projekts ist es, gewaltbetroffene Frauen persönlich und wirtschaftlich dahingehend zu stärken, dass sie erfolgreich in eine existenzsichernde Beschäftigung vermittelt werden können und diese auch halten. Das bildet die Grundlage dafür, die Gewaltbeziehung zu beenden und ein eigenständiges Leben führen zu können.

Ausgangssituation: Gewalt gegen Frauen

Von Gewalt betroffene Frauen sind mit vielen schwerwiegenden Problemen konfrontiert, die einen dauerhaften Ausstieg aus der Gewaltbeziehung oft unmöglich erscheinen lassen. Einer der Hauptgründe, warum Frauen immer wieder in das gewalttätige Umfeld zurückkehren, ist ihre wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Gefährder.

Folgen von Gewalt SIB
Folgen von Gewalt
Quelle: Sozialministerium

Die Abbildung zeigt Folgen von Gewalt für die Betroffenen, ihre Kinder und die Gesellschaft. Psychische, physische, sexuelle oder emotionale Gewalt hat soziale und wirtschaftliche Abhängigkeit, körperliche und seelische Verletzungen zur Folge. Bei Kindern können langfristige Entwicklungsstörungen auftreten und sie leiden z.B. unter Aggressivität, Angststörungen oder Schulschwierigkeiten. Für die Gesellschaft entstehen hohe Kosten, wie z.B. in der Gesundheitsversorgung, bei Polizei und Justiz und in der Sozialhilfe.

Das Projekt stand bereits in der Pilotphase ab 2015 allen gewaltbetroffenen Frauen in Oberösterreich offen, die Teilnahme war freiwillig, für alle Teilnehmerinnen kostenlos und während der gesamten Laufzeit möglich. Die Analyse der demographischen Daten und die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt zeigen, dass das Unterstützungsangebot hauptsächlich von Frauen angenommen wurde, die mit sehr vielen Problemen gleichzeitig zu kämpfen hatten.

Das bedeutet, dass zur Gewalt noch weitere Probleme hinzukamen, wie zum Beispiel eine ungeklärte Kinderbetreuung, fehlende soziale Netze (keine Familie und Freundschaften), niedrige Bildungsabschlüsse, ein geringer beruflicher Ausbildungsgrad und wenig Erfahrungen am Arbeitsmarkt.

Lösungsansatz

PERSPEKTIVE:ARBEIT verfolgt einen ganzheitlichen und individuellen Betreuungsansatz: Qualifizierte, erfahrene Sozialarbeiterinnen gehen auf die Lebenssituation der einzelnen Teilnehmerin ein und erarbeiten mit ihr gemeinsam persönliche und berufliche Ziele, die dann Schritt für Schritt umgesetzt werden. Psychosoziale Betreuung, Maßnahmen zur finanziellen Stabilisierung, Qualifizierung und Jobcoaching werden darauf abgestimmt und miteinander kombiniert. Dabei wird auf bestehende Programme zurückgegriffen und diese werden, wenn nötig um zusätzliche Angebote ergänzt, um die Lücken in der Betreuung zu schließen. PERSPEKTIVE:ARBEIT baut somit keine Parallelstrukturen auf, sondern ermöglicht es den Teilnehmerinnen, die passenden Angebote für sich zu finden und in Anspruch zu nehmen. Sobald die Teilnehmerinnen einen Arbeitsplatz gefunden haben, werden sie auf Wunsch bis zu 12 Monate nachbetreut. Kurzfristig auftretende Probleme können so schnell und unbürokratisch gelöst werden.

Ganz wesentlich für den Erfolg des Projektes war hier von Anfang an die enge Kooperation mit dem AMS Oberösterreich. Ab dem ersten Kontakt mit der Teilnehmerin findet ein Austausch mit der zuständigen AMS-Geschäftsstelle statt, um den weiteren Betreuungsverlauf der Teilnehmerinnen durch PERSPEKTIVE:ARBEIT zu klären. So müssen die Frauen z.B. gesundheitliche Schwierigkeiten überwinden, Gerichtstermine stehen an, ein sicheres Wohnumfeld für sie und ihre Kinder muss gefunden oder die Kinderbetreuung sichergestellt werden, bevor die Teilnehmerin eine Qualifizierungsmaßnahme oder eine Beschäftigung beginnen kann. Damit werden auch die Angebote des AMS besser angenommen, denn diese Vorgehensweise verhindert, dass eine Teilnehmerin ihre Arbeit sofort wieder verliert oder eine Ausbildung abbricht, wenn Probleme entstehen.

Abb 4_SIB
Ausgangssituation, Lösungsansatz und Wirkung von PERSPEKTIVE:ARBEIT
Quelle: Sozialministerium

Der große Vorteil für die Teilnehmerinnen ist, dass alles von den Mitarbeiterinnen von PERSPEKTIVE:ARBEIT koordiniert und auch begleitet wird. Damit gibt es eine Vertrauensperson und die persönliche Geschichte von Gewalt und Missbrauch muss nicht immer und immer wieder bei Behörden oder Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern erzählt und erklärt werden.

Ein wichtiges Merkmal von PERSPEKTIVE:ARBEIT ist auch, dass sich die Betreuung flexibel und individuell nach den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen richtet. Das bedeutet, es gibt keine strengen Vorgaben zum Beratungsverlauf oder zur Beratungsdauer. Stattdessen können die Teilnehmerinnen zwischen den Phasen und Angeboten je nach Situation wechseln. Das ermöglicht es jenen Teilnehmerinnen, die in schwierigen Verhältnissen leben, auch bei Rückschritten die Betreuung fortzusetzen oder nach einem Abbruch neu zu starten.

Ergebnisse von PERSPEKTIVE:ARBEIT

In der Pilotphase 2015 - 2018 wurden insgesamt 417 Frauen angesprochen, von denen schließlich 311 mit ihren 430 Kindern von PERSPEKTIVE:ARBEIT betreut wurden. Sie alle profitieren von dem Angebot und konnten auf dem Weg in ein selbstbestimmtes, sicheres Leben unterstützt werden. 182 Frauen fanden am ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung, 16 am zweiten Arbeitsmarkt und 29 Frauen haben mit Ausbildungen und Qualifizierungen den Grundstein für ihre berufliche Integration gelegt.

Zusammenfassung der Ergebnisse SIB
Zusammenfassung der Ergebnisse
Quelle: Sozialministerium

Von insgesamt 311 Teilnehmerinnen gelangten 182 (59 %) in den ersten Arbeitsmarkt, 16 (5 %) in den zweiten Arbeitsmarkt und 29 (9 %) absolvierten eine Schul- oder Berufsausbildung. 12 Frauen (4 %) standen zum Projektende noch in Vermittlung und 72 Frauen (23 %) sind aus dem Projekt ausgetreten.

Bewertung aus Sicht der Teilnehmerinnen

Zur Unterstützung der Teilnehmerinnen war eine Vielzahl von Schritten notwendig: Von psychosozialer Betreuung über Hilfe bei der Wohnungssuche und bei Behördenwegen, Gesundheitsvorsorge oder Abklären medizinischer Probleme, Sicherstellung der Kinderbetreuung, bis hin zur Mobilität (z.B. Führerschein erwerben). Die Mitarbeiterinnen von PERSPEKTIVE:ARBEIT haben stets mit den Teilnehmerinnen individuelle Angebote erarbeitet und umgesetzt.

Auch im Bereich der Qualifizierung und Vermittlung hat dieser ganzheitliche, individuelle Ansatz Erfolg gezeigt: „Wir haben gemeinsam Perspektiven entwickelt, überlegt, wo meine Fähigkeiten sind, was ich gerne machen möchte und wie ich bei meinen bisherigen Qualifikationen andocken könnte. Gesundheitlich bedingt fielen einige Möglichkeiten weg. Ich brauchte dazu noch einen Job mit flexibler Arbeitszeit wegen Kinderbetreuung.“, sagte eine Teilnehmerin im Interview.

Ebenso wichtig wie die Unterstützung bei der Erlangung der Arbeitsfähigkeit und die Qualifizierungs- und Vermittlungsmaßnahmen war für die Teilnehmerinnen die Berücksichtigung ihrer emotionalen und persönlichen Lebenssituation, die sie durch das PERSPEKTIVE:ARBEIT-Team erfuhren. Auch die Nachbetreuung wurde positiv bewertet. Diese vermittelte Sicherheit, da bei Problemen immer noch eine Ansprechpartnerin da war: „Es hat sehr gut getan, dass immer nachgefragt wurde, wie es geht, was man noch braucht und gleichzeitig ist man nicht überfordert worden“, meinte dazu eine weitere Teilnehmerin.

Das Resümee der befragten Frauen ist ein eindeutig positives: „Ohne PERSPEKTIVE:ARBEIT hätte ich das nie geschafft!“ Alle Frauen sahen im Projekt die Chance für eine Verbesserung ihrer Situation. Diese Analyse hat auch gezeigt, dass sich die Verbesserung der Lebensqualität der Teilnehmerinnen nicht nur daran festmachen lässt, ob sie einen Arbeitsplatz gefunden haben, der den Kriterien des Programmes entspricht.

Erfolgsfaktoren und Herausforderungen

Herausfordernd für das Projekt war unter anderem die Zielgruppe. Viele Teilnehmerinnen hatten wenig bis keine Erfahrung am Arbeitsmarkt, waren nur gering qualifiziert oder hatten keine formalen Bildungsabschlüsse. Für Teilnehmerinnen aus dem ländlichen Raum war vor allem die fehlende Mobilität die größte Herausforderung, da viele keinen Führerschein oder kein Auto besaßen und die Arbeitsstelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen war. Auch die Kinderbetreuung stellte oft ein großes Hindernis dar. Fehlende Plätze in Kinderbetreuungseinrichtungen waren ein Problem, ebenso deren Öffnungszeiten, die oft nicht mit den Arbeitszeiten in Einklang zu bringen waren. Insbesondere wenn Schichtdienste oder wechselnde Arbeitszeiten anfielen und die Teilnehmerinnen nicht auf weitere Familienmitglieder zurückgreifen konnten.

Die große Flexibilität im Betreuungsprogramm und eine vergleichsweise lange, finanziell gesicherte Projektlaufzeit haben hier Lösungen möglich gemacht. Frauen konnten sich qualifizieren und weiterbilden, durch Praktika und Jobs am zweiten Arbeitsmarkt schrittweise an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden, es gab Zeit, um die Kinderbetreuung kurzfristig und langfristig gut organisieren zu können und auch Führerscheine konnten erworben werden.

Skalierung von PERSPEKTIVE:ARBEIT – Wie geht es weiter?

Bei sozialen Projekten wie PERSPEKTIVE:ARBEIT bedeutet Skalierung, dass die soziale Wirkung, die durch das Projekt erzielt wird, gesteigert wird. Dabei wird das Ziel verfolgt, die angebotenen Maßnahmen noch mehr Personen zur Verfügung zu stellen. Wichtig ist es auch, aus den Erfahrungen eines Pilotprojektes zu lernen. Zum Beispiel hat sich bei PERSPEKTIVE:ARBEIT sehr schnell gezeigt, dass die Pilotprojekt-Laufzeit (2015-2018) zu kurz war. Bei einer Zielgruppe, die einen derart hohen Qualifizierungs- und Ausbildungsbedarf hat sowie viel psychosoziale, ganzheitliche Betreuung benötigt, brauchen die Teilnehmerinnen länger, bis sie arbeitsfähig werden und eine Beschäftigung auch längerfristig halten können.

Analysen und die Evaluierung der Wirkungen haben aber gezeigt, dass der Bedarf für dieses spezielle, auf die Bedürfnisse der gewaltbetroffenen Frauen zugeschnittene Programm sehr hoch ist. Und die Maßnahmen tragen entscheidend zur Verbesserung der Lebenssituation der Frauen und ihrer Kinder bei: Wohnsituation und Einkommenssituation haben sich für die Teilnehmerinnen entscheidend verbessert, die Qualifizierungsmaßnahmen und Ausbildungen wurden nicht nur in Anspruch genommen, sondern auch abgeschlossen und beinahe 200 Frauen gelang der Einstieg in den Arbeitsmarkt (erster und zweiter Arbeitsmarkt).

Die Wirksamkeit von PERSPEKTIVE:ARBEIT ist somit nachgewiesen und das Projekt wurde ab 2018 als Förderung des Sozialministeriums in Oberösterreich fortgeführt. 2020 gelang die Etablierung des Projekts als Beratungs- und Betreuungseinrichtung (BBE) des AMS Oberösterreich.

Seit Dezember 2019 wird vom Sozialministerium auch bereits die Vorbereitung einer flächendeckenden Ausrollung von „PERSPEKTIVE:ARBEIT“ in der Steiermark gefördert. Ziel ist eine sukzessive österreichweite Ausrollung und damit dauerhafte Verankerung in der österreichischen Soziallandschaft.

Handbuch PERSPEKTIVE:ARBEIT

Um den Skalierungsprozess bestmöglich zu unterstützen, wurde vom Sozialministerium das Handbuch PERSPEKTIVE:ARBEIT (PDF, 3 MB) herausgegeben. Darin werden die wesentlichen Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt zusammengefasst dargestellt. Vor allem aber bietet dieses kompakte Werk Leitfäden zur Durchführung ähnlicher Projekte und stellt die Herausforderungen und Lösungsansätze aus dem Projekt dar. Das über drei Jahre erarbeitete Wissen und Know-how steht somit frei allen interessierten Organisationen zur Verfügung.

Das Projekt PERSPEKTIVE:ARBEIT leistet einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele, insbesondere der folgenden:

SDG 1 „Armut in all ihren Formen und überall beenden“
SDG 5 „Geschlechtergleichstellung“ (Unterziel 5.2: Alle Formen von Gewalt gegen alle Frauen und Mädchen im öffentlichen und im privaten Bereich […] beseitigen“)