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Social Impact Bond

Wie lässt sich die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen erhöhen? PERSPEKTIVE:ARBEIT, ein Pilotprojekt des Sozialministeriums, gibt darauf eine Antwort.

Um sich den aktuellen Problemen zu stellen, mögliche Lücken in der Unterstützung von Personengruppen in schweren Lebenslagen zu schließen und neue Initiativen zu erproben, hat das Sozialministerium 2015 den ersten österreichischen Social Impact Bond in Oberösterreich gestartet.

Was ist ein Social Impact Bond?

Ein Social Impact Bond (SIB) ist ein wirkungsorientiertes Finanzierungsinstrument für Projekte im sozialen Sektor. Er besteht aus einer Partnerschaft verschiedener Akteurinnen und Akteure, die von der öffentlichen Hand initiiert und geleitet wird. Durch messbare, verbindliche Ziele entfaltet ein SIB-Projekt unmittelbar Wirkung. Bevor es zur Ausschüttung öffentlicher Mittel kommt, muss diese Wirkung nachweislich eingetreten sein.

Basis für einen SIB ist eine Vereinbarung über den gewünschten Erfolg („pay-for-success“-Vereinbarung), das heißt die Bezahlung des Projektes aus öffentlichen Mitteln ist abhängig von der Zielerreichung.

  • Die öffentliche Hand (z.B. ein Ministerium) legt vorab für ein SIB-Projekt die Zielgruppe, das Ziel, die zentralen Erfolgskriterien (Kennzahlen) und den finanziellen Rahmen vertraglich fest.
  • Gemeinnützige Stiftungen oder auch private Investorinnen und Investoren übernehmen dann die Finanzierung des Projektes.
  • Wird mit dem Projekt die vereinbarte soziale Wirkung erreicht – also bei Erfüllung der Zielkriterien – kommt die öffentliche Hand für die Projektkosten und ggf. eine zusätzliche Zielerreichungsprämie (z.B. in Form einer Verzinsung oder einer festgelegten Prämie) auf. Über die Zielerreichung entscheidet eine externe, unabhängige Evaluierung (z.B. eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft). Wird das Ziel nicht erreicht, erfolgt auch keine Rückzahlung durch die öffentliche Hand.

Vor Projektstart wird auch eine detaillierte Wirkungsfolgenabschätzung durchgeführt. Damit wird der finanzielle Rahmen festgelegt und nach Projektende kann nachgewiesen werden, dass die Projektkosten inklusive Zielerreichungsprämie geringer sind als die Kosten, die für die öffentliche Hand entstehen, wenn das Projekt nicht durchgeführt und die Zielgruppe nicht unterstützt wird. Bei der Wirkungsfolgenabschätzung werden die Projektkosten jenen Kosten gegenübergestellt, die durch das gesellschaftliche Problem bei der Zielgruppe entstehen (wie z.B. Arbeitslosengeld, Kosten im Gesundheitswesen etc.). Damit sind SIBs sehr gute Beispiele für eine wirkungsorientierte Verwaltung, indem konsequent Ziele und deren Überprüfung anhand von Kennzahlen in die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen integriert werden.

Umgesetzt wird ein SIB von gemeinnützigen Organisationen, die auf die Probleme der Zielgruppe spezialisiert sind. Da die Finanzierung für diese Organisationen über die gesamte Laufzeit gesichert ist, können sie sich vollumfänglich auf die Arbeit für die Zielgruppe und die Erzielung der gewünschten Wirkung konzentrieren. Das finanzielle Risiko liegt allein bei den Vorfinanzierenden.

Die SIB-Partnerschaft wird von einer Intermediärin, das heißt einer auf Projektmanagement spezialisierten Organisation, koordiniert und begleitet. Diese Organisation tritt als Projektmanagerin und als Vertragspartnerin der öffentlichen Hand auf.

Vorteile von SIBs

  • Sie fördern eine enge, sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
  • Sie schaffen Transparenz und zeigen deutlich, welche Ansätze im sozialen Bereich wirken.
  • Mit dieser neuen Form der Zusammenarbeit können Maßnahmen und Programme umgesetzt werden, die Lücken in der Betreuung von besonders gefährdeten Personengruppen schließen.
  • Ein SIB erlaubt es der öffentlichen Hand, Präventionsmaßnahmen und neue Projektansätze zu erproben und bei Erfolg zu übernehmen und auszurollen, ohne öffentliche Mittel verwenden zu müssen, wenn es noch keinen Nachweis für deren Wirksamkeit gibt.
  • SIBs bewirken Einsparungen. Die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten von sozialen Problemen sind höher, als die Kosten eines SIB-Projektes.

PERSPEKTIVE:ARBEIT – Österreichs erster SIB

Das Sozialministerium hat im September 2015 den ersten österreichischen SIB in Oberösterreich gestartet und sich mit dem innovativen Projekt einer sehr gefährdeten Zielgruppe gewidmet: gewaltbetroffenen Frauen und ihren mitbetroffenen Kindern. Mit 31. August 2018 ist das Pilotprojekt nach drei Jahren Laufzeit zu Ende gegangen.

Struktur des SIB-Pilotprojektes PERSPEKTIVE:ARBEIT
Struktur des SIB-Pilotprojektes PERSPEKTIVE:ARBEIT

Im Fall von PERSPEKTIVE:ARBEIT haben sich folgende Organisationen dazu entschlossen, das Projekt vorab zu finanzieren: DIE ERSTE österreichische Spar-Casse Privatstiftung („ERSTE Stiftung“), HIL-Foundation , Familie Scheuch Privatstiftung, Schweighofer Privatstiftung Beteiligungsverwaltung GmbH, Juvat gemeinnützige Gesellschaft mbH.

Mit dem Frauenhaus Linz und dem Gewaltschutzzentrum Oberösterreich wurde PERSPEKTIVE:ARBEIT von zwei erfahrenen Organisationen in ganz Oberösterreich umgesetzt.

Die Juvat gemeinnützige GmbH koordinierte als Intermediärin die Durchführung des Projekts und trat als Vertragspartnerin des Sozialministeriums auf.

Die Erfolgsprüfung erfolgte durch Ernst & Young Wirtschaftsprüfungsgesellschaft m.b.H., wissenschaftlich wurde das Projekt vom Kompetenzzentrum für Non-Profit Organisationen und Social Entrepreneurship der Wirtschaftsuniversität Wien sowie vom Institut für Konfliktforschung begleitet.

Eine umfassende Evaluierung ist wichtig!

  • Die Zielerreichung und die Mittelverwendung werden einer unabhängigen Prüfung unterzogen. So wird sichergestellt, dass das Sozialministerium nur für wirksame Maßnahmen öffentliche Mittel verwendet.
  • Die Prozessbegleitung bildet die Auswirkungen des Instruments SIB auf die verschiedenen Beteiligten ab. Dadurch gewinnt das Sozialministerium wesentliche Erkenntnisse über die Funktionsweise der Kooperation, insbesondere darüber, was gut funktioniert und wo in Zukunft nachgebessert oder anders gehandelt werden muss.
  • Die wissenschaftliche Analyse der Maßnahmen, der Zielgruppe und vor allem der Wirkung des Programms auf die Teilnehmerinnen, hilft dabei festzustellen, ob die gesetzten Maßnahmen auch tatsächlich die gewünschte Wirkung haben.
  • Durch eine gute Dokumentation der Arbeit mit den Teilnehmerinnen werden auch wichtige Erkenntnisse über die Zielgruppe gewonnen.

Zielsetzung

Ziel des Projekts ist es, die Teilnehmerinnen persönlich und wirtschaftlich dahingehend zu stärken, dass sie erfolgreich in eine existenzsichernde Beschäftigung vermittelt werden können und diese auch halten. Das bildet die Grundlage dafür, die Gewaltbeziehung zu beenden und ein eigenständiges Leben führen zu können. Als Erfolgskriterium wurde demnach vertraglich vereinbart, dass die Teilnehmerinnen eine existenzsichernde Beschäftigung erlangen müssen.

Erfolgskriterium Existenzsichernde Beschäftigung

Existenzsichernde Beschäftigung im Sinne von PERSPEKTIVE:ARBEIT ist ein Arbeitsverhältnis, das

  • mindestens 12 Monate andauert,
  • vollumfänglich sozialversicherungspflichtig ist,
  • zumindest 19.517 EUR Bruttojahresgehalt bringt und
  • ein Ausmaß von mindestens 20 Wochenarbeitsstunden hat.

Ergebnisse von PERSPEKTIVE:ARBEIT

Insgesamt wurden 417 Frauen angesprochen, von denen schließlich 311 mit ihren 430 Kindern von PERSPEKTIVE:ARBEIT betreut wurden. Sie alle profitieren von dem Angebot und konnten auf dem Weg in ein selbstbestimmtes, sicheres Leben unterstützt werden. 182 Frauen fanden am ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung, 16 am zweiten Arbeitsmarkt und 29 Frauen haben mit Ausbildungen und Qualifizierungen den Grundstein für ihre berufliche Integration gelegt.

Zusammenfassung der Ergebnisse SIB
Zusammenfassung der Ergebnisse
Quelle: Sozialministerium

Von insgesamt 311 Teilnehmerinnen gelangten 182 (59 %) in den ersten Arbeitsmarkt, 16 (5 %) in den zweiten Arbeitsmarkt und 29 (9 %) absolvierten eine Schul- oder Berufsausbildung. 12 Frauen (4 %) standen zum Projektende noch in Vermittlung und 72 Frauen (23 %) sind aus dem Projekt ausgetreten.

Aber nicht in allen Fällen der erfolgreichen Vermittlung in eine Beschäftigung konnten auch alle Voraussetzungen für existenzsichernde Beschäftigung im Sinne des SIB-Vertrages vollständig erfüllt werden. So fanden viele Teilnehmerinnen zwar eine Beschäftigung, die über der vorgegebenen Einkommensgrenze lag, aber zum Zeitpunkt des Projektabschlusses noch nicht 12 Monate andauerte. Manche Frauen lagen mit dem Bruttojahresverdienst unter der Einkommensgrenze. Da somit der Erfolg gemäß SIB-Vereinbarung nicht eingetreten war, musste das Sozialministerium keine finanziellen Mittel für das SIB-Projekt aufwenden. Ein Hauptmerkmal eines SIB, nämlich dass öffentliche Gelder ausschließlich bei Erreichen der vereinbarten Ziele und Wirkungen ausbezahlt werden, blieb damit gewahrt.

Ausgangssituation: Gewalt gegen Frauen

Von Gewalt betroffene Frauen sind mit vielen schwerwiegenden Problemen konfrontiert, die einen dauerhaften Ausstieg aus der Gewaltbeziehung oft unmöglich erscheinen lassen. Einer der Hauptgründe, warum Frauen immer wieder in das gewalttätige Umfeld zurückkehren, ist ihre wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Gefährder.

Folgen von Gewalt SIB
Folgen von Gewalt
Quelle: Sozialministerium

Die Abbildung zeigt Folgen von Gewalt für die Betroffenen, ihre Kinder und die Gesellschaft. Psychische, physische, sexuelle oder emotionale Gewalt hat soziale und wirtschaftliche Abhängigkeit, körperliche und seelische Verletzungen zur Folge. Bei Kindern können langfristige Entwicklungsstörungen auftreten und sie leiden z.B. unter Aggressivität, Angststörungen oder Schulschwierigkeiten. Für die Gesellschaft entstehen hohe Kosten, wie z.B. in der Gesundheitsversorgung, bei Polizei und Justiz und in der Sozialhilfe.

 

Das Projekt stand allen gewaltbetroffenen Frauen in Oberösterreich offen, die Teilnahme war freiwillig, für alle Teilnehmerinnen kostenlos und während der gesamten Laufzeit möglich. Die Analyse der demographischen Daten und die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt zeigen, dass das Unterstützungsangebot hauptsächlich von Frauen angenommen wurde, die mit sehr vielen Problemen gleichzeitig zu kämpfen hatten. Das bedeutet, dass zur Gewalt noch weitere Probleme hinzukamen, wie zum Beispiel eine ungeklärte Kinderbetreuung, fehlende soziale Netze (keine Familie und Freundschaften), niedrige Bildungsabschlüsse, ein geringer beruflicher Ausbildungsgrad und wenig Erfahrungen am Arbeitsmarkt.

Lösungsansatz

PERSPEKTIVE:ARBEIT verfolgt einen ganzheitlichen und individuellen Betreuungsansatz: Qualifizierte, erfahrene Sozialarbeiterinnen gehen auf die Lebenssituation der einzelnen Teilnehmerin ein und erarbeiten mit ihr gemeinsam persönliche und berufliche Ziele, die dann Schritt für Schritt umgesetzt werden. Psychosoziale Betreuung, Maßnahmen zur finanziellen Stabilisierung, Qualifizierung und Jobcoaching werden darauf abgestimmt und miteinander kombiniert. Dabei wird auf bestehende Programme zurückgegriffen und diese werden, wenn nötig um zusätzliche Angebote ergänzt, um die Lücken in der Betreuung zu schließen. PERSPEKTIVE:ARBEIT baut somit keine Parallelstrukturen auf, sondern ermöglicht es den Teilnehmerinnen, die passenden Angebote für sich zu finden und in Anspruch zu nehmen. Sobald die Teilnehmerinnen einen Arbeitsplatz gefunden haben, werden sie auf Wunsch bis zu 12 Monate nachbetreut. Kurzfristig auftretende Probleme können so schnell und unbürokratisch gelöst werden.

Ganz wesentlich für den Erfolg des Projektes war hier von Anfang an die enge Kooperation mit dem AMS Oberösterreich. Ab dem ersten Kontakt mit der Teilnehmerin findet ein Austausch mit der zuständigen AMS-Geschäftsstelle statt, um den weiteren Betreuungsverlauf der Teilnehmerinnen durch PERSPEKTIVE:ARBEIT zu klären. So müssen die Frauen z.B. gesundheitliche Schwierigkeiten überwinden, Gerichtstermine stehen an, ein sicheres Wohnumfeld für sie und ihre Kinder muss gefunden oder die Kinderbetreuung sichergestellt werden, bevor die Teilnehmerin eine Qualifizierungsmaßnahme oder eine Beschäftigung beginnen kann. Damit werden auch die Angebote des AMS besser angenommen, denn diese Vorgehensweise verhindert, dass eine Teilnehmerin ihre Arbeit sofort wieder verliert oder eine Ausbildung abbricht, wenn Probleme entstehen.

Abb 4_SIB
Ausgangssituation, Lösungsansatz und Wirkung von PERSPEKTIVE:ARBEIT
Quelle: Sozialministerium

Der große Vorteil für die Teilnehmerinnen ist, dass alles von den Mitarbeiterinnen von PERSPEKTIVE:ARBEIT koordiniert und auch begleitet wird. Damit gibt es eine Vertrauensperson und die persönliche Geschichte von Gewalt und Missbrauch muss nicht immer und immer wieder bei Behörden oder Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern erzählt und erklärt werden.

Ein wichtiges Merkmal von PERSPEKTIVE:ARBEIT ist auch, dass sich die Betreuung flexibel und individuell nach den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen richtet. Das bedeutet, es gibt keine strengen Vorgaben zum Beratungsverlauf oder zur Beratungsdauer. Stattdessen können die Teilnehmerinnen zwischen den Phasen und Angeboten je nach Situation wechseln. Das ermöglicht es jenen Teilnehmerinnen, die in schwierigen Verhältnissen leben, auch bei Rückschritten die Betreuung fortzusetzen oder nach einem Abbruch neu zu starten.

Bewertung aus Sicht der Teilnehmerinnen

Die Verbesserung der Situation der Frauen nach dem Abschluss des SIBs wurde in der Erfolgsprüfung nur daran gemessen, ob sie ein existenzsicherndes Beschäftigungsverhältnis im Sinne der SIB-Vereinbarung erlangt haben. Es wurde nicht miteinbezogen, ob sie dadurch z.B. der Gewaltbeziehung entkommen konnten und ob die ökonomische Unabhängigkeit zu einer Verbesserung ihrer Lebenssituationen geführt hat. Diese Fragen wurden daher in der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes durch das Institut für Konfliktforschung analysiert.

Zur Unterstützung der Teilnehmerinnen war eine Vielzahl von Schritten notwendig: Von psychosozialer Betreuung über Hilfe bei der Wohnungssuche und bei Behördenwegen, Gesundheitsvorsorge oder Abklären medizinischer Probleme, Sicherstellung der Kinderbetreuung, bis hin zur Mobilität (z.B. Führerschein erwerben). Die Mitarbeiterinnen von PERSPEKTIVE:ARBEIT haben stets mit den Teilnehmerinnen individuelle Angebote erarbeitet und umgesetzt.

Auch im Bereich der Qualifizierung und Vermittlung hat dieser ganzheitliche, individuelle Ansatz Erfolg gezeigt: „Wir haben gemeinsam Perspektiven entwickelt, überlegt, wo meine Fähigkeiten sind, was ich gerne machen möchte und wie ich bei meinen bisherigen Qualifikationen andocken könnte. Gesundheitlich bedingt fielen einige Möglichkeiten weg. Ich brauchte dazu noch einen Job mit flexibler Arbeitszeit wegen Kinderbetreuung.“, sagte eine Teilnehmerin im Interview.

Ebenso wichtig wie die Unterstützung bei der Erlangung der Arbeitsfähigkeit und die Qualifizierungs- und Vermittlungsmaßnahmen war für die Teilnehmerinnen die Berücksichtigung ihrer emotionalen und persönlichen Lebenssituation, die sie durch das PERSPEKTIVE:ARBEIT-Team erfuhren. Auch die Nachbetreuung wurde positiv bewertet. Diese vermittelte Sicherheit, da bei Problemen immer noch eine Ansprechpartnerin da war: „Es hat sehr gut getan, dass immer nachgefragt wurde, wie es geht, was man noch braucht und gleichzeitig ist man nicht überfordert worden“, meinte dazu eine weitere Teilnehmerin.

Das Resümee der befragten Frauen ist ein eindeutig positives: „Ohne PERSPEKTIVE:ARBEIT hätte ich das nie geschafft!“ Alle Frauen sahen im Projekt die Chance für eine Verbesserung ihrer Situation, auch dann, wenn die Betreuung nicht zum Erfolg im Sinne der Erfolgsdefinition des SIB geführt hatte. Diese Analyse hat auch gezeigt, dass sich die Verbesserung der Lebensqualität der Teilnehmerinnen nicht nur daran festmachen lässt, ob sie einen Arbeitsplatz gefunden haben, der den Kriterien des Programmes entspricht.

Erfolgsfaktoren und Herausforderungen

Wichtig für eine erfolgreiche Umsetzung eines SIB sind eine klare Aufgabenverteilung und Verteilung der Verantwortlichkeiten sowie stabile Partnerschaften. So kann ein gemeinsames Ziel erarbeitet werden und alle Beteiligten ziehen an einem Strang, um dieses Ziel auch zu erreichen.

Die öffentliche Hand – in diesem Fall das Sozialministerium – übernimmt eine leitende Funktion mit umfassenden Entscheidungsrechten und ist für die grundsätzliche Ausgestaltung und Steuerung des SIB verantwortlich. Die Intermediärin ist die Vertragspartnerin des verantwortlichen Ministeriums. Sie sichert die Vorfinanzierung und die reibungslose Kommunikation mit allen Beteiligten, ist operativ im Geschehen vor Ort eingebunden, unterstützt und leitet die Organisationen an, die das Projekt umsetzen. Die Vorfinanzierenden werden umfassend von der Intermediärin über die Projektfortschritte informiert, nehmen aber auf die Durchführung keinen Einfluss. Die Organisationen, die das Projekt vor Ort umsetzen, sind in der Gestaltung der notwendigen Einzelmaßnahmen und in der Arbeit mit der Zielgruppe sehr frei und eigenständig. Sie können weitere Kooperationspartnerinnen und –partner einbinden, Dienstleistungen zukaufen (z.B. für die Bereiche Qualifizierung und Arbeitsvermittlung) und so sicherstellen, dass sie das bestmögliche Angebot für die Frauen zusammenstellen können. Inhaltlich sind sie nicht nur dem Projekterfolg verpflichtet, sondern insbesondere der Zielgruppe. Sie sollen ihrer sozialarbeiterischen Aufgabe gerecht werden, nämlich die Zielgruppe dabei zu unterstützen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Ein halbjährlich stattfindendes Projektforum unter der Leitung des Sozialministeriums bot die Möglichkeit, operative Fragen zu diskutieren, Schwerpunkte zu setzen und im Bedarfsfall rasch geeignete Lösungsansätze zu finden, um das Programm an die Bedürfnisse der Teilnehmerinnen anzupassen.

Herausfordernd für das Projekt war unter anderem die Zielgruppe. Viele Teilnehmerinnen hatten wenig bis keine Erfahrung am Arbeitsmarkt, waren nur gering qualifiziert oder hatten keine formalen Bildungsabschlüsse. Für Teilnehmerinnen aus dem ländlichen Raum war vor allem die fehlende Mobilität die größte Herausforderung, da viele keinen Führerschein oder kein Auto besaßen und die Arbeitsstelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen war. Auch die Kinderbetreuung stellte oft ein großes Hindernis dar. Fehlende Plätze in Kinderbetreuungseinrichtungen waren ein Problem, ebenso deren Öffnungszeiten, die oft nicht mit den Arbeitszeiten in Einklang zu bringen waren. Insbesondere wenn Schichtdienste oder wechselnde Arbeitszeiten anfielen und die Teilnehmerinnen nicht auf weitere Familienmitglieder zurückgreifen konnten.

Die große Flexibilität im Betreuungsprogramm und eine vergleichsweise lange, finanziell gesicherte Projektlaufzeit haben hier Lösungen möglich gemacht. Frauen konnten sich qualifizieren und weiterbilden, durch Praktika und Jobs am zweiten Arbeitsmarkt schrittweise an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden, es gab Zeit, um die Kinderbetreuung kurzfristig und langfristig gut organisieren zu können und auch Führerscheine konnten erworben werden.

Skalierung von PERSPEKTIVE:ARBEIT – Wie geht es weiter?

Bei sozialen Projekten wie PERSPEKTIVE:ARBEIT bedeutet Skalierung, dass die soziale Wirkung, die durch das Projekt erzielt wird, gesteigert wird. Dabei wird das Ziel verfolgt, die angebotenen Maßnahmen noch mehr Personen zur Verfügung zu stellen. Wichtig ist es auch, aus den Erfahrungen eines Pilotprojektes zu lernen. Zum Beispiel hat sich bei PERSPEKTIVE:ARBEIT sehr schnell gezeigt, dass die Laufzeit zu kurz war. Bei einer Zielgruppe, die einen derart hohen Qualifizierungs- und Ausbildungsbedarf hat sowie viel psychosoziale, ganzheitliche Betreuung benötigt, brauchen die Teilnehmerinnen länger, bis sie arbeitsfähig werden und eine Beschäftigung auch längerfristig halten können.

Auch wenn das Projekt gemäß SIB-Vereinbarung nicht alle Zielkriterien erfüllen konnte, haben die Analysen und die Evaluierung der Wirkungen gezeigt, dass der Bedarf für dieses spezielle, auf die Bedürfnisse der gewaltbetroffenen Frauen zugeschnittene Programm sehr hoch ist. Und die Maßnahmen tragen entscheidend zur Verbesserung der Lebenssituation der Frauen und ihrer Kinder bei: Wohnsituation und Einkommenssituation haben sich für die Teilnehmerinnen entscheidend verbessert, die Qualifizierungsmaßnahmen und Ausbildungen wurden nicht nur in Anspruch genommen, sondern auch abgeschlossen und beinahe 200 Frauen gelang der Einstieg in den Arbeitsmarkt (erster und zweiter Arbeitsmarkt). Die Wirksamkeit von PERSPEKTIVE:ARBEIT ist somit auch nachgewiesen und das Projekt wird seit 1. Dezember 2018 vom Sozialministerium gefördert. Damit soll die Wirkung verbreitert werden, das heißt, einerseits soll das Projekt dauerhaft in der Soziallandschaft in Oberösterreich verankert werden und andererseits soll PERSPEKTIVE:ARBEIT auch in weiteren Bundesländern etabliert werden.

Handbuch PERSPEKTIVE:ARBEIT

Um den Skalierungsprozess bestmöglich zu unterstützen, wurde vom Sozialministerium das Handbuch PERSPEKTIVE:ARBEIT (PDF, 3 MB) herausgegeben. Darin werden die wesentlichen Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt zusammengefasst dargestellt. Vor allem aber bietet dieses kompakte Werk Leitfäden zur Durchführung ähnlicher Projekte und stellt die Herausforderungen und Lösungsansätze aus dem Projekt dar. Das über drei Jahre erarbeitete Wissen und Know-how steht somit frei allen interessierten Organisationen zur Verfügung.

Fazit

Mit dem SIB-Pilotprojekt PERSPEKTIVE:ARBEIT wurde in Österreich Neuland beschritten. Wenige Jahre nach der Implementierung des weltweit ersten SIB in Großbritannien 2010 wurde in Österreich der SIB vorbereitet und umgesetzt. Das österreichische Pilotprojekt zu diesem neuen Finanzierungsinstrument für soziale Maßnahmen ist hinsichtlich mehrerer Aspekte neuartig. Anders als in Großbritannien hat das Sozialministerium im SIB einen starken Fokus auf die Gemeinnützigkeit gelegt.

Gemeinnützigkeit steht im SIB des Sozialministeriums im Vordergrund

  • Ein SIB ist eine sektorenübergreifende Partnerschaft zwischen der öffentlichen Verwaltung, gemeinnützigen Investorinnen und Investoren sowie dem Sozialbereich bzw. dem Non-profit Sektor.
  • Die Vorfinanzierenden sind entweder gemeinnützige Stiftungen oder private Organisationen, die einen gemeinnützigen Schwerpunkt haben, und nicht Finanzierungsinstitute, Unternehmen oder Banken mit hoher Gewinnerwartung.
  • Die Zielerreichungsprämie ist stark begrenzt und stellt lediglich einen Ausgleich der Inflation dar. Hohe Renditen werden nicht realisiert.
  • Die Organisationen, die einen SIB für die Zielgruppe umsetzen, sind gemeinnützige Vereine und keine Unternehmen. Hier steht die Wirkung für die Zielgruppe im Vordergrund, nicht die Gewinnerwirtschaftung.

Aus den Erfahrungen mit dem ersten SIB lässt sich ableiten, dass SIBs durchaus geeignet sind, um innovative, wirkungsorientierte Maßnahmen in gesellschaftlich relevanten Bereichen zu erproben, die eine Lücke in der Versorgung mit sozialen Dienstleistungen schließen und durch ihren präventiven Charakter helfen, gesellschaftliche Folgekosten zu verringern oder zu vermeiden.

Der SIB als Finanzierungsinstrument sozialer Innovation ist ein wesentlicher Beitrag zur Stärkung der Wirkungsorientierung von sozialen Maßnahmen, vor allem durch die Festlegung von Zielen vorab, die auch erreicht werden müssen. Damit harmoniert ein SIB auch sehr gut mit der wirkungsorientierten öffentlichen Verwaltung und stellt eine weitere Möglichkeit dar, Erfahrungen bei der Umsetzung, der weiteren Verbreitung sowie der Überprüfung von Maßnahmen, Projekten und Programmen zu sammeln.

Ein SIB ist kein Investment oder Finanzprodukt. Bei einem SIB können sich private Kapitalgeberinnen und -geber nicht auf Kosten von prekären Bevölkerungsgruppen bereichern, aber ein SIB bietet die große Chance zur „besseren Spende“: Die Verwendung ist transparent und es besteht die reelle Chance, das eingesetzte Kapital zurückzuerhalten und erneut für gemeinnützige Projekte einsetzen zu können.

Die Arbeit mit der Zielgruppe ist während der Gesamtlaufzeit garantiert und vollständig finanziell abgesichert. Die Zielgruppe wird somit immer unterstützt, auch wenn die vereinbarten Ziele am Ende nicht erreicht werden und die Vorfinanzierenden ihr Geld nicht zurückbekommen.

Tatsächlich bringt die bei einem SIB im Zentrum stehende Festlegung konkreter Ziele einen entscheidenden Vorteil für die Zielgruppe mit sich: Dank der zielgerichteten Ausrichtung der Projektmaßnahmen ist eine bedarfsgenaue Unterstützung möglich. In einem SIB können somit Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer deutlich individueller und wirksamer betreut werden, als dies oftmals in gängigen Förderprogrammen der Fall ist.

Vorteile eines SIB auf einen Blick

  • Die Öffentliche Hand beauftragt ein Projekt, ausgerichtet an von ihr definierten Zielen für die Lösung eines von ihr identifizierten sozialen Problems. Sie muss nur dann die Kosten übernehmen, wenn die vereinbarten Ziele auch tatsächlich erreicht werden.
  • Wenn die Ziele erreicht werden, sind die soziale Wirkung und die Einsparungen für die Öffentliche Hand nachweisbar.
  • Die gemeinnützigen Vorfinanzierenden stellen Mittel für ein zielorientiertes und umfangreich evaluiertes Projekt zur Verfügung. Sie haben dabei die reelle Chance, ihre Mittel inklusive Verzinsung zurückzubekommen und diese Mittel dann ein weiteres Mal für soziale Zwecke auszugeben. Die normalerweise einmalige finanzielle Förderung wandelt sich durch die Beteiligung an einem SIB zu einem potenziell wiederholbaren Kapitaleinsatz („bessere Spende“).
  • Die sozialen Dienstleister bekommen eine garantierte, längerfristige Förderung, die ihnen große Flexibilität in der Projektdurchführung ermöglicht. Dadurch haben sie deutlich weniger Verwaltungsaufwand und mehr Zeit, um mit ihrer Zielgruppe zu arbeiten.
  • Die Zielgruppe bekommt ein auf ihre Problemlage maßgeschneidertes Angebot, das über die Gesamtlaufzeit des SIB gesichert und unabhängig von der Zielerreichung durchgeführt wird.
  • Die Gesellschaft bekommt Transparenz über den Einsatz ihrer Steuermittel und Klarheit darüber, für welche Themen im sozialen Bereich wie viel Geld mit welchem Erfolg ausgegeben wird.

Das Projekt PERSPEKTIVE:ARBEIT leistet einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele, insbesondere der folgenden:

SDG 1 „Armut in all ihren Formen und überall beenden“
SDG 5 „Geschlechtergleichstellung“ (Unterziel 5.2: Alle Formen von Gewalt gegen alle Frauen und Mädchen im öffentlichen und im privaten Bereich […] beseitigen“)

Inhaltlicher Stand: 31. Oktober 2019